1.1.1 Die achte und die elfte Arbeit des Herkules

„Die achte Arbeit: Die Tötung der neunköpfigen Hydra
(Skorpion, 23. Oktober-22. November)

Die Sage

Der große Eine, der den Vorsitz führt, gehüllt in strahlende Ruhe, sagte nur ein einziges Wort. Der Lehrer hörte den goldtönenden Befehl und rief Herkules herbei, den Gottessohn, der auch ein Sohn der Menschen war.

„Der Lichtschein fällt jetzt auf das achte Tor," sagte der Lehrer. „Im alten Argos herrscht eine Dürre. Amymone erfleht die Hilfe Neptuns. Er gebot ihr an einen Fels zu schlagen und a1s sie's tat, entsprangen ihm drei kristallne Ströme. Doch bald darauf nahm eine Hydra dort ihren Wohnsitz.“

„Am Fluss Amymone liegt der schwärende Sumpf von Lerna. In diesem eklen Schlamm haust nun das Ungeheuer Hydra, eine Plage für das Land. Neun Köpfe hat diese Kreatur, und einer davon ist unsterblich. Rüste dich zum Kampf mit diesem hassenswerten Tier. Und glaube nicht, gewöhnliche Mittel könnten helfen; zerstörst du eins der Häupter, wachsen zwei neue an seiner SteIle.“ Wartend stand Herkules.

„Ein Wort des Rates nur darf ich dir geben,“ fuhr der Lehrer fort. „Wir erheben uns, indem wir niederknie'n. Wir siegen, wenn wir uns ergeben. Wir gewinnen den Kampf durch Ergeben. Geh' jetzt, o Gottessohn und Sohn des Menschen, und siege!“ Durch das achte Tor schritt Herkules.

Der stinkende Morast von Lerna war ein Schandfleck, der alle erschreckte, die in seine Nähe kamen. Sein Gestank verpestete die Luft in einem Umkreis von sieben Meilen. Als Herkules näher kam, musste er anhalten, denn der Geruch allein überwältigte ihn fast. Der schlickige Treibsand war eine Gefahr und mehr als einmal zog Herkules rasch seinen Fuß zurück, um nicht durch den nachgebenden Boden nach unten gesaugt zu werden.

Schließlich fand er das Lager, wo die ungeheure Bestie sich aufhielt. In einer Höhle, in ewiger Nacht, lag die Hydra verborgen. Tag und Nacht umstreifte Herkules das trügerische Moor, um eine günstige Gelegenheit abzuwarten, wenn das Tier ausfallen würde. Er wartete vergebens. Das Monstrum blieb in seiner stinkenden Höhle.

Nun besann sich Herkules auf eine List. Er tauchte seine Pfeile in brennendes Pech und schoss sie mitten in die gähnende Höhle, in der die Bestie verweilte. Jetzt gewahrte er Unruhe und Bewegung.

Die Hydra kam hervor. Ihre neun wütenden Häupter spien Flammen, ihr schuppiger Schwanz peitschte das Wasser und den Schlamm, die den Herkules von Kopf bis Fuß besudelten. Drei Klafter hoch erhob das Ungeheuer sich, ein Ding von solcher Hässlichkeit, als sei es wohl erdacht von allen schmutzigsten Gedanken seit Anbeginn der Zeit.

Zischend schoss die Hydra vor und suchte des Herkules Füße zu umschlingen. Er sprang zur Seite und versetzte ihr einen so vernichtenden Hieb, dass eines der Häupter abgetrennt war. Kaum war das schreckliche Haupt im Sumpf verschwunden, schon wuchsen zwei neue an seiner Stelle. Immer wieder griff Herkules das rasende Ungeheuer an, aber es wurde nicht schwächer, sondern stärker.

Da erinnerte sich Herkules der Worte seines Lehrers. „Wir erheben uns, indem wir niederknie’n.“ Herkules warf die Keule von sich, kniete nieder, fasste die Hydra mit seinen bloßen Händen und hob sie in die Höhe. In der Luft hängend schwand ihre Kraft. So kniend hielt er die Hydra über sich empor, damit die reinigende Luft und das Licht die rechte Wirkung habe. Das Untier, nur stark in Dunkelheit und im morastigen Schlamm, verlor rasch seine Macht als Sonnenstrahlen und Wind es berührten.

Zuckend wehrte es sich, ein Schauer durchlief seinen abscheulichen Körper. Schwächer und schwächer wurde sein Wehren bis der Sieg errungen war. Die Häupter sanken herab, mit keuchenden Mäulern und glasigen Augen fielen sie zu Boden. Aber erst als die Hydra leblos lag, bemerkte Herkules das mystische Haupt, das unsterblich war.

Dieses eine unsterbliche Haupt schlug Herkules vom Rumpf der Hydra ab und vergrub das noch wild zischende unter einem Felsen.

Zurückgekehrt stand Herkules vor seinem Lehrer. „Der Sieg ist errungen,“ sagte dieser. „Das Licht, das an dem achten Tore scheint, ist jetzt mit deinem eigenen vermischt.“
Francis Merchant.“ (S. 154- 157)

Die elfte Arbeit: Die Säuberung des Augiasstalles(Wassermann, 21. Januar-19. Februar)

Die Sage

Am Ort des Friedens, wo der Große Eine den Vorsitz führt, ließ Er die Strahlen seines erhabenen Denkens ausströmen. Der Lehrer näherte sich.

„Die einzelne Flamme muss die übrigen neunundvierzig entzünden", bestätigte der große Eine.

„So sei es", antwortete der Lehrer. „Da Herkules die eig'ne Lampe nun entzündet hat, muss er das Licht jetzt auch den andern bringen“. Bald danach rief er den Herkules zu sich.

„Elf Mal hat sich das Rad gedreht, und jetzt stehst du vor einem weitren Tor. Lange bist du dem Licht gefolgt, das erst unsicher flackerte, und dann zu steter Leuchte wuchs, und jetzt für dich zur strahlenden Sonne wurde. Wende nun ihrem Glanz den Rücken; wende die Schritte und geh' zurück zu jenen, für die das Licht ein flücht’ger Punkt nur ist; hilf ihnen, dass es wachse. Nimm deinen Weg zu Augias, dessen Königreich von altem Übel gereinigt werden muss. Ich habe gesprochen.“

Das elfte Tor durchschreitend ging Herkules auf die Suche nach Augias, dem König.

Als er dem Reich sich näherte, wo Augias herrschte, da traf ein schrecklicher Gestank von weitem seine Nase, so dass er schwach und seiner Sinne nicht mehr mächtig war. Und dort erfuhr er dann, dass König Augias den Mist, den seine Herden machten, seit Jahren aus den königlichen Ställen nicht hatte entfernen lassen. Dazu waren die Weiden so stark schon überdüngt, dass keine Ernte darauf wachsen konnte. Infolgedessen überschwemmte eine
verheerende Seuche alles Land, vernichtend alles menschliche Leben.

Herkules ging zum Palast und suchte nach Augias. Als dieser davon unterrichtet wurde, dass Herkules die Ställe, die zum Himmel stanken, säubern wolle, zeigte er Unglauben und Misstrauen.

„Du sagst, dass du dieses gewaltige Werk vollbringen willst, ohne Belohnung zu erbitten?“ sagte der König misstrauisch. „Ich habe kein Vertrauen zu solchen Prahlern! Das ist ein Plan voll kluger List, o Herkules, um mir den Thron zu stehlen. Von Menschen, die ohne Belohnung der Welt je dienen wollten, hab’ ich noch nie gehört. Jedoch ich würde jeden Narren gern begrüßen, der hier mir helfen wollte. Aber es muss ein Handel abgeschlossen werden, sonst würde man mich einen dummen König schelten. Wenn du in einem einz’gen Tage vollbringst, was du versprochen hast, dann soll ein Zehntel meiner großen Herde dir gehören: versagst du aber, so fällt dein Leben, Hab und Gut in meine Hände. Natürlich glaube ich nicht einen Augenblick, dass du die Prahlerei wahrmachen kannst, jedoch du magst’s versuchen.“

Darauf verließ Herkules den König. Er wanderte durch den verwüsteten Ort und sah einen Karren, hoch beladen mit Toten, den Opfern jener schlimmen Pestilenz.

Zwei Flüsse, Alpheus und Peneus, flossen ruhig nahebei. Als Herkules jetzt an des einen Ufer stand, schoss wie ein Blitz die Antwort des Problems ihm durch den Kopf. Aus Leibeskräften machte er sich sofort an die Arbeit. Mit großer Mühe gelang es ihm, die beiden Flüsse aus ihrem jahrzehntelangen Laufe abzuleiten. Alpheus und Peneus wurden dazu gebracht, ihr Wasser durch die dunggefüllten Ställe des Augias zu ergießen. Die reißenden Ströme schwemmten den ganzen seit langem aufgehäuften Mist hinweg. Das Reich war nun gereinigt von allem stinkenden Schmutz. In einem Tage war die unmöglich scheinende Aufgabe vollbracht.

Als Herkules, äußerst zufrieden mit dem Resultat, bei Augias erschien, fing dieser an zu schimpfen.

„Du hattest nur Erfolg durch eine List“, schrie König Augias erbost. „Die Flüsse taten dieses Werk, nicht du. Das war ein Streich, mir meine Herde wegzunehmen, ein Anschlag gegen meinen Thron. Belohnung wirst du nicht erhalten. Geh und entferne dich, eh ich den Rumpf dir um den Kopf verkürze.“

Der wütende König verbannte Herkules und verbot ihm, bei Androhung des sofortigen Todes, je wieder sein Reich zu betreten.

Nachdem Herkules, der Sohn der Menschen, der auch ein Sohn Gottes war, die ihm aufgetragene Arbeit erfüllt hatte, ging er dorthin zurück, woher er kam.

„Ein Weltdiener bist du geworden“, sagte der Lehrer als Herkules ihm näherkam. „Indem zurück du gingst, bist vorwärts du geschritten; du bist zum Haus des Lichts gekommen, jedoch auf and’rem Pfad; du hast dein Licht gespendet, damit das Licht der andern scheinen kann. Das Juwel, das durch die elfte Arbeit übergeben wird, ist nun für ewig dein.“
F. M.“ (S. 199- 201)“